Leseprobe

Leseprobe aus meinem Roman “Sommergespenster”:

“In dieser Idylle kam die Erinnerung hoch, die Erinnerung an unbeschwerte Jahre, an Jahre des Glücks und der innigen Freundschaft mit Frank. Unser Debüt in der richtigen Liebe hatten wir damals vermasselt, in Irland, im Haus meiner Großeltern, als ich das Lieschen war, das in die Ritze fiel und sich in der Kuscheldecke verfing. Später klappte es wie am Schnürchen. Nichts klemmte, nichts hemmte uns, wir überwanden jedes Hindernis, alles schien im Lot.
Im Nachhinein fragte ich mich, ob mir diese Harmonie nicht hätte Angst machen müssen: so, als wäre das Ablaufdatum bereits festgestanden.

An einem Winterabend, einem Freitag, hatte sich Frank auf den Weg zu mir gemacht. Wir freuten uns auf ein gemütliches Wochenende mit gutem Essen, Kerzen und Räucherwerk. Wir wollten ins Kino gehen und anschließend kuscheln.
Das Schicksal wusste es anders.
Frank hatte sich das Auto seines Vaters geliehen. Im Radio meldeten sie Blitzeis, aber Frank hörte vielleicht Musik, wollte sich auf schöne Stunden mit mir einstimmen. Er hatte es wohl eilig gehabt.
Aus einem Waldstück heraus fuhr er in eine Rechtskurve, schleuderte von der Straße eine Böschung hinunter, überschlug sich mehrmals, und zuletzt blieb der Wagen auf dem Dach liegen. Die eingedrückte Motorhaube hatte sich ins Wageninnere geschoben und Franks Schädel zertrümmert. Er war längst tot, als die ersten Helfer kamen.
Der Anruf legte mein Leben in Schutt und Asche. Ich hatte einen Kartoffelauflauf im Ofen, der Tisch war liebevoll gedeckt.
Wenn ich zurückdachte an diese Zeit der Verzweiflung, Trauer und Hoffnungslosigkeit, dann wunderte es mich noch heute, wie ich den flammenden Schmerz hatte aushalten können, der sich tief in meine Seele brannte.

Damals war ich in die Winternacht hinausgestürzt. Unzählige Sterne funkelten am Himmel und die Milchstraße glitzerte wie ein riesiger Lamettastreif. Die Eiseskälte ließ meinen Atem gefrieren. Ich wünschte mir, Frank flöge als Zaubervogel von Stern zu Stern und hinterließe mir geheime Botschaften, die ich eines Tages in der jenseitigen Welt lesen würde. Nächtelang watete ich durch den Schnee, warf mich der Dunkelheit entgegen. Meine Schreie und mein Wimmern verhallten in der Weite der Landschaft. Auf ein Echo hoffte ich vergebens. Frank antwortete nicht. Niemand antwortete mir. Und es fielen auch keine Sterne vom Himmel und mir vor die Füße. Sie hätte ich als Zeichen deuten können, als gutes Omen, als einen Fingerzeig.
Wenn es hell wurde, setzte ich mich erschöpft auf den kalten Boden und hörte auf das Knistern der Eiskristalle, die der Morgen erwärmte.
Ich wollte eine Schneeflocke werden und auf dem Zweig eines Kirschbaums landen, um mit den erfrorenen Blüten dort auf den Frühling zu warten.
Den ganzen Winter über rannte ich, ich lief und lief, bis ich begriff, dass man seinem Schicksal nicht entfliehen konnte. Wem die Stunde schlug, der hatte dem Ruf der Ewigkeit zu folgen, ob er bereit war oder nicht. Der Tod kannte kein Pardon.
Deshalb sollte man seine Lebenszeit als Geschenk sehen, sie dankbar annehmen und das Beste daraus machen. Diese Erkenntnis half mir sehr.

Nach vielen dunklen Monaten entschied sich meine erstarrte Seele wieder für das Leben. Allein die Erinnerung blieb. Ich nahm sie mit in meine Tage, ich lud mir das vergangene Glück auf die Schultern und trug es in die Zukunft hinein.
Ich durfte mich nicht länger hängen lassen, auch Vater zuliebe. Er litt mit mir, die Trauer schadete seinem schwachen Herzen. Auch Frank hätte gewollt, wir fänden zum Licht zurück. Es ging aufwärts. Von da an träumte sich die Sonne über die Gottesäcker und Schmetterlinge ritten auf dem Wind.
Ich kaufte mir einen Hund: Toby, den überdrehten Irischen Terrier, und dieser Kerl hielt mich auf Trab. Meistens hatte er nur Schabernack im Kopf und balgte sich für sein Leben gern mit anderen Rüden. Längst hatte ich mein Herz an ihn verloren. Wie er schon aussah! Ich musste oft lachen über die drollige Schnauze und die steil aufgerichtete Rute. Toby lernte flott, was es für einen Hund zu lernen gab, und Papa kam prächtig mit ihm zurecht. Der rote Terrier brachte Lebensfreude und Kurzweil ins Haus.
An den Wochenenden legte ich Toby das Brustgeschirr an, dann sprang er unter der offenen Heckklappe ins Auto. Floh und Toby mochten sich. Die Kameratasche mit der Fuji hatte ich immer bei mir.
So fuhren wir in die Natur und besuchten Bäume, Wiesen und Ackerraine. Wir spazierten auf Feldwegen zum See:
Geheimnisvoll und dunkel lag er da, an seinem Ufer blühte mannshohes Schilfgras, und manchmal landeten Singschwäne mit ihren blütenweißen Flügeln elegant auf dem Wasser. Ihr Gesang durchbrach die Stille dieses einsamen Landstrichs, Wanderer begegneten uns fast nie.
Zwei Seeadlerpaare hatten sich vor Jahren angesiedelt. In ihren Horsten in schwindelerregender Höhe zogen sie die Jungen groß. Regelmäßig fand ich Hühnerfedern und Knochen unter den jahrhundertealten Eichen. Denn die Adler hatten nicht nur Appetit auf Karpfen, Hechte und Schleien aus dem See! Viele Dorfbewohner hielten sich ein paar Hennen und einen stattlichen Hahn dazu mit leuchtend rotem Kamm. Für die Adler wurde das Federvieh zur leichten Beute, wenn es sich auf den Höfen ins Grünland hinauswagte. Immer wieder kreiste einer dieser majestätischen Greifvögel hoch über dem Dorf, ging dann nieder und landete inmitten der gackernden Schar. Dort stolzierte er seelenruhig auf und ab, oft von mehreren Rabenvögeln begleitet. Schließlich nahm er ein Huhn ins Visier. Der große Vogel breitete die mächtigen Schwingen aus, hüpfte im Kreis wie ein Schamane, hob mühelos ab und packte das Opfer im Gleitflug mit seinen messerscharfen Krallen. Mit einem hilflos zappelnden Tier in den Fängen flog der König der Lüfte in den Sonnenuntergang hinein. Ein atemberaubender Anblick!”

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